Die Schweiz belegt bei der Chancengleichheit für Schulkinder die hinteren Plätze

Kategorie Medienmitteilung

Ein kürzlich erschienener Unicef-Bericht stellt der Schweiz schlechte Noten für die Chancengleichheit im Schulzimmer aus. Prof. Dr. Tanja Held äussert sich zu möglichen Handlungsansätzen.

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Nina Hug Titel Dr. rer. soc.

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Leiterin Hochschulkommunikation / Senior Consultant

Der Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef zeigt, dass der schulische Erfolg in der Schweiz stark vom sozioökonomischen Hintergrund abhängig ist: Je gebildeter die Eltern, desto erfolgreicher sind die Kinder in der Schule. Die Schweiz liegt bei der Chancengleicheit auf Platz 31 von 41. Die Situation hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert, sondern eher verschlechtert.

Prof. Dr. Tanja Held, die ab 1. Juli die Professorinnenstelle «Inklusive Bildung und chancengerechtes Lernen» an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) übernimmt, ist vom Ergebnis des Berichts wenig überrascht: «In der Vergangenheit gab es zahlreiche Studien, die auf den vergleichsweise starken Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren und Schulerfolg in der Schweiz hinweisen. Die Situation für Schulkinder aus einkommensschwächeren Familien hat sich in der Zwischenzeit nicht bedeutend verbessert.» Dabei gibt es zahlreiche Hinweise, welche Ansätze erfolgreich sein könnten. Prof. Held zählt einige auf: «Als erstes sollte man die Frühförderung in den Blick nehmen, ein gutes Beispiel ist die ZEPPELIN-Studie. Schliesslich spielen aber auch die multiprofessionelle Zusammenarbeit im Team, die Förderung von inklusivem Unterricht und die Ressourcensteuerung bei belasteten Schulen eine Rolle. Es sind nicht einzelne isolierte Faktoren und Massnahmen, sondern die Gestaltung des gesamten Bildungssystems, die man überdenken müsste.»

Mit der Besetzung der Professorinnenstelle will die HfH einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit normativen Grundverständnissen von Bildung, Lernen und Unterricht und deren Bedeutung für die Entwicklung inklusiver, adaptiver und chancengerechter Bildungspraktiken leisten.

Dass die Schule selbst in die Reproduktion sozialer Ungleichheiten involviert ist, betont Prof. Dr. Daniel Hofstetter, Professor für Professionalisierung und Kompetenzentwicklung an der HfH. «Gerade in selektiven Bildungssystemen können bestehende soziale Unterschiede verstärkt werden. In den letzten Jahrzehnten haben sich westliche Gesellschaften stärker in Richtung Wettbewerbsstaat entwickelt. Damit verbunden ist eine stärkere Betonung von Eigenverantwortung, individueller Bildungsanstrengung und Leistung. Es lässt sich beobachten, dass soziale Ungleichheiten zunehmen, was sich auch auf Bildungsungleichheiten auswirkt.» Ein besonderes Augenmerk liegt auf der frühen Selektion. Prof. Dr. Hofstetter führt aus: «Wenn Bildungswege früh unterschieden werden, fallen diese Entscheidungen in eine Lebensphase, in der familiale Unterstützungsmöglichkeiten besonders bedeutsam sind. Eltern mit mehr Bildung, mehr finanziellen Mitteln und mehr Kenntnis des Schulsystems können ihre Kinder oft wirksamer unterstützen und ihre Interessen gegenüber der Schule besser vertreten. Bei Selektionsentscheidungen spielen Erwartungen und Vorstellungen darüber, was einem Kind zugetraut wird, eine wichtige Rolle. Gerade dadurch kann soziale Herkunft in schulische Entscheidungen eingehen, ohne dass dies den Beteiligten immer bewusst sein muss.»

Die HfH beschäftigt sich seit Jahren mit Bildungsungleichheit und schulischer Selektion. Dabei nimmt sie insbesondere die institutionellen Praktiken und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick – sowohl in Lehre als auch Forschung.

Interviewpartner:innen. Prof. Dr. Tanja Held und Prof. Dr. Daniel Hofstetter stehen für ein Interview gerne zur Verfügung. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an Dr. Nina Hug, Leiterin Hochschulkommunikation, die einen direkten Kontakt vermittelt.