Erfolgreiches Lernen unterstützen
Kategorie Institutsthema
Ob Lernen gelingt, hängt von verschiedenen Voraussetzungen ab: Können Kinder ihre Aufmerksamkeit steuern? Verstehen sie die Aufgabe? Verfügen sie über das notwendige Vorwissen? Im Institutsthema finden Sie Inputs, wie Sie die Lernprozesse unterstützen können, damit sie erfolgreich sind.
Erfolgreiches Lernen bedeutet, dass Kinder und Jugendliche neue Informationen aufnehmen, verstehen, mit ihrem vorhandenen Wissen verknüpfen und in neuen Situationen anwenden können. Lernen gelingt deshalb nicht allein durch «mehr Anstrengung» oder «mehr Willen», sondern dann, wenn Lernvoraussetzungen und passende Unterstützungsbedingungen zusammenspielen.
Das Modell der individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens (INVO-Modell; Hasselhorn & Gold, 2022) hilft, stockende Lernprozesse besser zu verstehen. Es beschreibt das Lernen als das Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die wie Zahnräder ineinandergreifen: Aufmerksamkeit und Arbeitsgedächtnis, Lernstrategien, Vorwissen sowie motivationale und volitionale Prozesse. Gemeinsam beeinflussen sie, wie gut Informationen aufgenommen, verarbeitet und langfristig behalten werden. Lernen gelingt besonders dann, wenn diese Bereiche gut entwickelt sind und sich gegenseitig unterstützen (siehe Abbildung).
Für die Praxis ist aber wichtig: Erfolgreich zu Lernen gelingt immer nur in Wechselwirkung mit den konkreten Lernumgebungen. Eine hohe Unterrichtsqualität, welche Lernen für verschiedene Lernende mit unterschiedlichen Voraussetzungen zulässt, ist daher zentral. Unterricht, Beziehungsgestaltung, Aufgabenqualität und Unterstützung beeinflussen wesentlich, ob Lernende ihre Potenziale nutzen und weiterentwickeln können.
Die Abbildung zeigt das Modell der individuellen Voraussetzungen erfolgreichen Lernens (INVO-Modell von Hasselhorn & Gold, 2022, S. 68; mit freundlicher Genehmigung von Andreas Gold).
Beschreibung des Modells
Im INVO-Modell sind die Voraussetzungen als Zahnräder dargestellt, die ineinandergreifen. Die Einflussfaktoren lassen sich zwei Bereichen zuordnen:
- Auf der linken Seite stehen die kognitiven Voraussetzungen wie selektive Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Strategien und metakognitive Regulation sowie Vorwissen. Sie sind entscheidend für die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen.
- Auf der rechten Seite finden sich die motivational-volitionalen Voraussetzungen. Sie beeinflussen, ob Lernende bereit sind, sich auf eine Aufgabe einzulassen, Anstrengungen aufrechterhalten und ihr Lernen zielgerichtet steuern. Dazu gehören insbesondere die Motivation und das Selbstkonzept sowie Volition (Willenskraft) und lernbegleitende Emotionen.
Gerät eines der Zahnräder ins Stocken, wird auch der Lernprozess insgesamt beeinträchtigt. Ist ein Bereich hingegen besonders gut ausgeprägt, kann er Schwächen in anderen Bereichen bis zu einem gewissen Grad ausgleichen. Langfristig reicht diese Kompensation jedoch oft nicht aus: Die zusätzliche Beanspruchung kann dazu führen, dass auch dieses «Zahnrad» an seine Grenzen stösst.
Selektive Aufmerksamkeit
Worauf achte ich mich? Selektive Aufmerksamkeit ermöglicht es, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden und sich gezielt auf relevante Lerninhalte zu konzentrieren. Nur Informationen, denen Aufmerksamkeit geschenkt wird, gelangen ins Arbeitsgedächtnis und können weiterverarbeitet werden. Eine gut gesteuerte Aufmerksamkeit bildet deshalb eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Lernen.
Im Unterricht zeigt sich dies beispielsweise darin, dass Lernende, trotz der vielen Reize im Klassenzimmer, ihre Aufmerksamkeit auf die wesentlichen Inhalte richten können. Lehrpersonen können diesen Prozess unterstützen, indem sie Lernumgebungen übersichtlich gestalten, Ablenkungen reduzieren und die Aufmerksamkeit gezielt auf zentrale Informationen lenken.
Arbeitsgedächtnis
Was kann ich mir merken? Das Arbeitsgedächtnis lässt sich mit dem Arbeitsspeicher eines Computers vergleichen. Hier werden Informationen für kurze Zeit gespeichert und gleichzeitig verarbeitet. Dazu gehört beispielsweise, dass Kinder sich Inhalte vorstellen, Gehörtes innerlich wiederholen oder Informationen miteinander verknüpfen. Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist jedoch begrenzt – es können nicht beliebig viele Informationen gleichzeitig verarbeitet werden. Deshalb ist es wichtig, die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten.
Im Unterricht bedeutet dies, dass Inhalte klar strukturiert und schrittweise vermittelt werden sollten, damit das Arbeitsgedächtnis nicht überlastet wird. Eine übersichtliche Darstellung sowie die Fokussierung auf zentrale Inhalte erleichtern die Verarbeitung neuer Informationen. Auch Visualisierungen, wiederkehrende Abläufe und Rituale können das Arbeitsgedächtnis entlasten und das Lernen unterstützen.
Strategien und metakognitive Regulation
Wie soll ich vorgehen? Strategien sind bewusste Vorgehensweisen zur Verarbeitung von Informationen. Dazu gehören kognitive Strategien wie Wiederholen, Strukturieren und Verknüpfen sowie metakognitive Strategien zur Planung, Überwachung und Bewertung des eigenen Lernens. Sie helfen dabei, Inhalte besser zu verstehen, langfristig zu speichern und bei Bedarf wieder abzurufen. Der gezielte Einsatz von Lernstrategien steigert die Qualität des Lernens.
Im Unterricht dürfen Lernstrategien nicht vorausgesetzt werden, sondern müssen gezielt vermittelt und eingeübt werden. Lehrpersonen unterstützen Lernende, indem sie Strategien modellieren, gemeinsam anwenden, passende Einsatzmöglichkeiten aufzeigen und deren Nutzung regelmässig reflektieren.
Vorwissen
Was weiss ich bereits? Vorwissen umfasst bereits vorhandene Kenntnisse und Erfahrungen, an die neues Lernen anknüpft. Es erleichtert das Verstehen neuer Inhalte, weil Informationen schneller eingeordnet und mit bestehendem Wissen verknüpft werden können. Gleichzeitig entlastet Vorwissen das Arbeitsgedächtnis und unterstützt die Aufmerksamkeit. Je umfangreicher und passender das Vorwissen ist, desto erfolgreicher verläuft der Lernprozess.
Im INVO-Modell kommt dem Vorwissen eine besondere Bedeutung zu. Es kann als zentrales «Zahnrad» verstanden werden, dass die anderen Lernvoraussetzungen massgeblich unterstützt. Fehlt passendes Vorwissen oder reicht es für eine Aufgabe nicht aus, fällt es Lernenden schwer, neue Inhalte einzuordnen und nachhaltig zu verstehen. In der Schule spielen ausreichende Kenntnisse der Unterrichtssprache eine grosse Rolle.
Im Unterricht bedeutet dies, dass vorhandenes Wissen der Lernenden gezielt aktiviert und einbezogen werden muss. Lehrpersonen müssen daran anknüpfen, indem sie Vorwissen sichtbar machen und neue Inhalte bewusst darauf aufbauen. Im Rahmen eines sprachsensiblen Unterrichts können beispielsweise zu Beginn der Lektion zentrale Begriffe erklärt werden.
Motivation
Warum wende ich mich einer Aufgabe zu? Motivation beschreibt die Bereitschaft, sich einer Lernaufgabe zuzuwenden und sich mit ihren Inhalten auseinanderzusetzen. Sie wird unter anderem durch Interesse, persönliche Ziele und die Einschätzung der eigenen Erfolgschancen beeinflusst. Motivierte Lernende zeigen mehr Ausdauer, können ihre Aufmerksamkeit leichter aufrechterhalten und setzen sich intensiver mit Lerninhalten auseinander.
Im Unterricht bedeutet dies, dass Lernangebote so gestaltet werden müssen, dass sie Interesse wecken, an die Voraussetzungen der Lernenden anknüpfen und Erfolgserlebnisse ermöglichen. Lehrpersonen können Motivation fördern, indem sie herausfordernde, aber bewältigbare Aufgaben stellen, Wahlmöglichkeiten schaffen und konstruktive Rückmeldungen geben.
Selbstkonzept
Was traue ich mir zu? Das Selbstkonzept beschreibt die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten. Es beeinflusst, wie Lernende an Aufgaben herangehen und wie sie ihre Leistungen bewerten. Ein positives Selbstkonzept fördert Motivation und Lernbereitschaft, während ein negatives Selbstkonzept zu Unsicherheit und Vermeidungsverhalten führen kann. Rückmeldungen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Selbstkonzepts.
Im Unterricht bedeutet dies, dass Rückmeldungen gezielt, differenziert und ermutigend gestaltet werden müssen. Lehrpersonen beeinflussen durch ihr Feedback wesentlich, wie Lernende ihre eigenen Fähigkeiten wahrnehmen und weiterentwickeln.
Volition
Bleibe ich dran, wenn es schwierig wird? Volition beschreibt die Fähigkeit, Absichten in Handlungen umzusetzen und Ziele konsequent zu verfolgen. Sie verbindet Motivation mit tatsächlichem Handeln. Dazu gehört, Aufgaben zu beginnen, trotz Schwierigkeiten dranzubleiben und Ablenkungen zu widerstehen. Ohne Volition bleibt Motivation oft wirkungslos. Sie ist deshalb eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Lernprozesse erfolgreich umgesetzt werden.
Im Unterricht müssen Lernende gezielt dabei unterstützt werden, ihre Vorhaben auch tatsächlich umzusetzen. Lehrpersonen können dies fördern, indem sie klare Strukturen schaffen, Zwischenschritte sichtbar machen und Strategien zur Selbststeuerung gezielt vermitteln. Auch realistische Teilziele und regelmässige Rückmeldungen helfen dabei, Lernprozesse aufrechtzuerhalten.
Lernbegleitende Emotionen
Wie fühle ich mich beim Lernen? Emotionen beeinflussen das Lernen in vielfältiger Weise. Sie wirken sich auf Aufmerksamkeit, Motivation, Denkprozesse und Ausdauer aus. Lernförderliche Emotionen wie Freude, Interesse oder Stolz unterstützen die Auseinandersetzung mit Lerninhalten. Dagegen können belastende Emotionen wie Angst, Frustration oder Langeweile das Lernen erschweren. Emotionen beeinflussen somit unmittelbar, wie Informationen aufgenommen und verarbeitet werden.
Im Unterricht bedeutet dies, dass Lehrpersonen unterstützende und wertschätzende Lernumgebungen schaffen müssen, in der sich Lernende sicher fühlen und positive Lernerfahrungen machen können. Eine konstruktive Fehlerkultur, Erfolgserlebnisse und verlässliche Beziehungen tragen dazu bei, lernförderliche Emotionen zu stärken und mit belastenden Emotionen angemessen umzugehen.
Fazit. Das INVO-Modell bietet eine hilfreiche Orientierung, um individuelle Voraussetzungen erfolgreichen Lernens zu verstehen. Es berücksichtigt jedoch nicht alle Einflussfaktoren. Soziale Bedingungen sowie die Gestaltung der Lernumgebung werden nicht explizit abgebildet, obwohl sie für das Gelingen von Lernprozessen und das Entstehen von Lernschwierigkeiten eine wichtige Rolle spielen. Zudem können die einzelnen Voraussetzungen je nach Fach, Thema oder Lernsituation unterschiedlich stark ausgeprägt sein und sich im Verlauf der Entwicklung verändern.
Das Modell dient daher als Orientierung und nicht als vollständige Erklärung von erfolgreichem Lernen. Auch wenn die Darstellung als Zahnräder physikalisch nicht exakt ist, verdeutlicht sie anschaulich die Komplexität der Prozesse rund um das Lernen und ihr wechselseitiges Zusammenspiel. Für Lehrpersonen, Schulische Heilpädagog:innen und weitere Bezugspersonen kann das Modell deshalb eine hilfreiche Grundlage sein, um Lernprozesse differenziert zu beobachten, Herausforderungen besser einzuordnen und gezielte Unterstützung abzuleiten.
Weiterbildungs- und Beratungsangebote
Das Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen bietet zum Thema die Webinar-Reihe «Erfolgreich Lernen» an. In dieser Reihe werden einzelne Voraussetzungen des Modells aufgegriffen und praxisnah vertieft. In kurzen Online-Formaten werden zentrale Grundlagen erklärt und konkrete Möglichkeiten für Unterricht, Förderung und Lernbegleitung vorgestellt:
- Erfolgreich Lernen: Volle Konzentration, bitte!
- Erfolgreich Lernen: Motivation – der innere Funke
- Erfolgreich Lernen: Arbeitsgedächtnis entlasten
- Erfolgreich Lernen: Selbstkonzept stärken
Zudem bietet das Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen folgende Weiterbildungen rund um Lernen an:
- Heilpädagogik im Bereich Lernen. Lernschwierigkeiten
- CAS Lerncoaching: Alle Kinder und Jugendlichen stärken
- Probleme mit exekutiven Funktionen – wie weiter?
Kontakt. Bei Interesse an weiteren Angeboten können Sie sich direkt an Sandra Derflinger, Assistentin Leiterin Institut für Lernen unter erschwerten Bedingungen, sandra.derflinger [at] hfh.ch wenden.