Diagnose – Fluch oder Segen?
Tagungsrückblick
«Diagnostik oder Diagnose im Frühbereich?» An der HfH-Tagung vom 6. Juni 2026 standen sich Diagnostik als Prozess und Diagnose als Momentaufnahme gegenüber. Wir wollten wissen: Ist das Risiko der Stigmatisierung durch eine Diagnose höher einzuschätzen als der Vorteil, durch sie zum Beispiel Zugang zu Ressourcen zu erhalten?
Etwas stimmt nicht. Benno wird drei. Er spricht noch wenig und zeigt im Spiel ein überagitiertes, sprunghaftes Verhalten. Mit anderen Menschen interagiert er spärlich, und im Kontakt mit seinem älteren Bruder oder den Eltern rastet er oft aus – vor allem dann, wenn es nicht nach seinem Kopf läuft. Die Eltern machen sich Sorgen, ob mit Benno etwas nicht stimmt. Hat er vielleicht eine Störung im Autismus-Spektrum? In enger Absprache mit der Familie meldet die Spielgruppenleiterin Benno für eine Entwicklungsabklärung an. Die Fragen: Was hat Benno? Was braucht er – und was braucht sein Umfeld?
Diagnostische Reisen. Für die HfH-Professorin Priska Hagmann-von Arx sind auffällige Entwicklungsverläufe wie jener von Benno der Ausgangspunkt einer «diagnostischen Reise». Eltern kämen dabei nicht mit dem Wunsch nach einer Diagnose zu Fachpersonen. Vielmehr stünden Fragen und Sorgen im Vordergrund. Die Suche nach Antworten führe viele Familien zu einer Entwicklungsabklärung.
Endlich Klarheit? Eine Diagnose ist ein zweischneidiges Schwert, sind sich die Referierenden der Tagung einig. Für die Eltern bringt sie zwar Klarheit: «Sobald ich wusste, wie die Schwierigkeiten heissen, konnte ich besser damit umgehen», zitiert Hagmann-von Arx eine betroffene Mutter. Doch Michael von Rhein, leitender Arzt am Kinderspital Zürich, hebt den Warnfinger: «Bei komplexen Auffälligkeiten passen die Abklärungsresultate oft zu keiner klaren Diagnose.» Für Kinderarzt von Rhein bringen Diagnosen – so schwierig sie im Kleinkindalter zu stellen sind – mehr als nur Klarheit. Vielfach sind sie auch der Zugang zu wichtigen Unterstützungs- und Förderangeboten: «Ohne Diagnose keine Finanzierung!», laute die einfache Formel.
Video-Interview mit Michael von Rhein und Marah Rikli sowie Statements von Tagungsteilnehmer:innen.
Diagnostik ist mehr. Im Fallbeispiel vom dreijährigen Benno wurde eine Entwicklungsabklärung durchgeführt. Erstellt wurde ein so genanntes Entwicklungsprofil, in welchem alle getesteten Funktionen in Bezug zu einer Normstichprobe gesetzt werden. Bei Benno zeigte sich: Das Gehör ist normal. Auch eine Entwicklungsstörung auf dem Autismus-Spektrum konnte ausgeschlossen werden. Diagnostiziert wurde eine Sprachentwicklungsstörung. Doch von Rhein ist überzeugt: «Für den Alltag ist das ganzheitliche Entwicklungsprofil viel relevanter als die Diagnose.»
Risiko und Chance. Eine Diagnose kann auch stigmatisieren, sind sich die beiden Tagungsleitenden Christina Koch und Christina Arn einig. «Weil die Sicht auf das Kind dann auf die Diagnose reduziert wird, und die Ressourcen nicht mehr gesehen werden», erklärt Christina Koch, Studiengangsleiterin im Master Heilpädagogische Früherziehung. Doch Christina Arn, Logopädin und HfH-Dozentin, gibt gleichzeitig zu bedenken: «Gerade in der Logopädie ist die Diagnose ein wichtiger Ausgangspunkt für die therapeutische Unterstützung und Begleitung». «Denn in der kindlichen Sprachentwicklung passiert sehr viel in kurzer Zeit. Da ist es wichtig, nichts zu verpassen.» Richtig eingesetzt, so das Fazit der Tagung, ist eine Diagnose also kein Fluch, sondern vielmehr ein Segen. Weil sie ein wichtiges Puzzlestein im umfassenden förderdiagnostischen Prozess darstellt. Einem Prozess, der sich eng an der Entwicklung des Kindes und seiner Familie entlang bewegen muss. Und in dem nicht nur Defizite erkannt, sondern vor allem die Ressourcen gestärkt werden sollen.
Christina Arn (links) und Christina Koch im Gespräch mit Steff Aellig (HfH-Wissenschaftskommunikation).
Die Tagung «Diagnostik oder Diagnose im Frühbereich? Perspektiven aus und für die Heilpädagogische Früherziehung und Logopädie» fand am 6. Juni 2026 in Zürich statt. Die Impulsreferate wurden online übertragen. Die Tagung war ein Anlass des Instituts für Behinderung und Partizipation und wurde von Christina Arn und Christina Koch geleitet.
Autoren: Steff Aellig, Dr., und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (Juni 2026)