Das digitale Sackmesser
Tagungsrückblick
Neue Technologien, neue Chancen – für Menschen mit Behinderungen könnte die Digitalisierung Barrieren im Unterricht abbauen. Das zeigte die Tagung «Mit Bildungstechnologien Lernumgebungen für alle schaffen».
Teilhabe durch Technologien. Was Tagungsleiter Ingo Bosse zum Auftakt zeigt, ist auf den ersten Blick irritierend: Ein Video von sich selbst, wie er sich dem Publikum vorstellt – aber auf Ukrainisch. Die KI ahmt seine Stimme täuschend echt nach. «Die digitalen Tools können heute schon wahnsinnig viel», kommentiert Bosse und setzt sogleich den Ton für die Tagung: «Ein kompetenter Umgang damit in der Heilpädagogik bedeutet allerdings, dass man sorgfältig abwägen muss, wo man sie einsetzt und wo nicht.» Damit weist er auf das Potenzial für Menschen mit Beeinträchtigungen hin. Jenseits der faszinierenden Spielereien und tausend Möglichkeiten können digitale Tools nämlich vor allem eines leisten: die Chancen auf Teilhabe erhöhen. Indem sie im Unterricht neue Zugänge schaffen.
Für Verena Wahl ist das iPad ein «Schweizer Taschenmesser der Inklusion». An der Tagung hielt die HfH-Dozentin einen Workshop.
Barrierefreie Lehrmittel. Auch bei digitalen Lehrmitteln ist der Abbau von Barrieren eine besondere Herausforderung. So kritisiert Romain Lanners, Direktor des Schweizer Zentrums für Heilpädagogik (SZH), dass bei der Lehrmittelentwicklung die Digitalisierung oft nur eine Art neue Verpackung mit altem Inhalt darstelle. «Es genügt eben nicht, bei Schulbüchern einfach nur den Rücken abzutrennen und die einzelnen Seiten einzuscannen», so Lanners. «Echte Digitalisierung umfasst auch den Inhalt, also die Didaktisierung.» So sollen Lernende zum Beispiel selbständig den passenden Schwierigkeitsgrad wählen können. Das Schlagwort dazu: UDL – Universal Design for Learning. Das bedeutet vereinfacht gesagt das Lernen am gleichen Gegenstand, bei dem dank der Digitalisierung ganz verschiedene Zugänge ermöglicht werden: angepasste Schriftgrösse und Kontrast, einfache Sprache, simultane Übersetzungen, verschiedene Sinne und Lerntypen ansprechen oder eben unterschiedliche Tiefen des Verstehens. «Das ist echte Barrierefreiheit, weil sie eben allen nützt. Und diese muss bei der Entwicklung von Lehrmitteln von Anfang an mitgeplant werden», fordert Lanners. Doch in der Umsetzung sei man noch lange nicht so weit.
Potenzial des iPads. In den meisten Klassenzimmern gehört das iPad schon länger zur Grundausstattung – und bietet damit einen vielfältigen Zugang zu Lerninhalten. So könnte man damit Texte vorlesen lassen, Schrift vergrössern, auf Klick weiterführende Erklärungen und Bildinhalte zeigen oder den Bildschirm auf wenige Apps reduzieren. «Das iPad ist das Schweizer Taschenmesser der Inklusion», sagt HfH-Dozentin Verena Wahl in ihrem Workshop und demonstriert die beeindruckenden Möglichkeiten live. Doch von den zahlreichen Funktionen eines Schweizer Taschenmessers – um beim Bild zu bleiben – sei vielen Lehrpersonen höchstens die grosse Klinge und der Flaschenöffner bekannt, ist Wahl überzeugt.
KI im Klassenzimmer. Die Lehr- und Fachpersonen im Klassenzimmer sind der Schlüssel für die digitale Revolution in der Heilpädagogik. Schon in naher Zukunft würden KI-gestützte Tools deren Arbeit grundlegend verändern, ist Christa Schmid-Meier überzeugt. Für die HfH-Dozentin liegen die Vorteile auf der Hand: Früher habe eine Schulische Heilpädagogin eine halbe Stunde gebraucht, um einen kurzen Sachtext in einfache Sprache zu übersetzen. Heute erledigt sie das mit KI in fünfzehn Sekunden. «Und morgen schon machen das die Schüler:innen selbst», so Schmid-Meier. Oder man lässt sich Texte vorlesen, indem man sich eine digitale Brille aufsetzt. «Früher war diese unerschwinglich, heute kostet sie noch knapp vierhundert Franken.» Für Schüler:innen mit schwerer LRS kann diese Technologie zum «Game Changer» werden, ist Schmid-Meier überzeugt. Die schulischen Fachpersonen würden deshalb aber nicht überflüssig. «Einerseits muss der Umgang mit diesen Technologien pädagogisch eingebettet werden», sagt Schmid-Meier. «Und zum anderen behält der soziale Austausch seine Bedeutung, damit die Kinder nicht nur vor dem Bildschirm sitzen.»
Ausgewählte Angebote der HfH
- Kurs «Das iPad als Schweizer Taschenmesser der Inklusion»: Das iPad ist inzwischen an fast allen Schweizer Schulen vorhanden. Diese Weiterbildung thematisiert, welche vielfältigen Möglichkeiten das iPad bietet, und kann als Abrufkurs von Schulen und Institutionen gebucht werden.
- Fachstelle «ICT for Inclusion»: Haben Sie Fragen rund um assistive Technologien und den Aufbau digitaler Medien- und Anwendungskompetenzen? Die Expert:innen beraten Sie gerne, nehmen Sie Kontakt auf.
- ALL4all – Sign Language and Access Technologies Lab: Das ALL4all ist zugleich professionelles Sprachlabor und flexibler Raum für die Vermittlung von Medien- und Anwendungskompetenzen sowie die Erprobung und Entwicklung von Technologien. Nutzen Sie das Walk-in-Angebot und erhalten Sie neue Impulse für Ihre Praxis.
Die Tagung «Mit Bildungstechnologien Lernumgebungen für alle schaffen» fand am 17. Januar 2026 in Zürich statt. Die Impulsreferate und Teile der Workshops wurden online übertragen. Die Tagung war ein Anlass des Instituts für Lernen unter erschwerten Bedingungen und wurde von Ingo Bosse, Prof. Dr., geleitet.
Autoren: Steff Aellig, Dr., und Dominik Gyseler, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (Januar 2026)