«Inklusion ist, wenn man sie nicht sieht!»
Reportage
In der Stadtzürcher Sekundarschule Hans Asper werden schwerhörige Jugendliche integriert in Regelklassen unterrichtet. Der international bekannte Bildungsforscher John Hattie hat diese «Teilintegrative Oberstufe» – kurz TiO – besucht.
Ganz normaler Unterricht. «Eigentlich ist es eine ganz normale Sek», erklärt Klassenlehrer Alex Labhardt. Es gehe um Wissensvermittlung, um Persönlichkeitsbildung und schliesslich um Berufswahl. Auch die Mathestunde, welche wir zusammen mit John Hattie besuchen, ist alles andere als spektakulär. «Wie viel Farbe braucht es, um eine Turnhalle zu streichen?» Labhardt schreibt die Aufgabe an die Wandtafel. Feiner Kreidenstaub wabert im Gegenlicht der Vormittagssonne. Die Jugendlichen hängen in den Bankreihen, zwei strecken auf. Genauso geht Unterricht. Vermutlich fast überall auf der Welt.
Kommunikation mit Disziplin. Hinten im Zimmer sitzt John Hattie, der renommierte Bildungsforscher aus Neuseeland, und verfolgt das Unterrichtsgeschehen aufmerksam. Ab und zu übersetzt ihm eine Lehrperson flüsternd, worum es gerade geht. Wie einige Jugendliche in der Klasse trägt auch er ein Hörgerät. Auf den zweiten Blick entdeckt man hier weitere Besonderheiten. Zum Beispiel die Schulische Heilpädagogin, Géraldine Abplanalp, die mit zügigem Schritt durch die Bänke geht und dem Schüler, der sich gemeldet hat, das Mikrofon in die Hand drückt. «Soll auch der Boden der Turnhalle gestrichen werden, oder nur die Wände?», fragt dieser, sehr deutlich sprechend. Nachher erklärt Abplanalp den Besucher:innen: «Das Mikrofon wie auch der Sender um meinen Hals funkt direkt auf die Hörgeräte der Schüler:innen. Das braucht in der Kommunikation etwas Disziplin, funktioniert in dieser Klasse aber gut.»
Ein Blick hinter die Kulissen des TiO-Schulmodells an der Sekundarschule Hans Asper
Bewährte Verzahnung. Hinter der teilintegrativen Oberstufe (TiO) steckt eine virtuose und seit Jahren bewährte Verzahnung von Sonder- und Regelschule – und zwar auf allen Ebenen. So haben rund ein Drittel der Schüler:innen in der Klasse von Alex Labhardt einen Sonderschulstatus. Administrativ sind diese Jugendlichen der Tagessonderschule «SEK3» zugeteilt, die auf Jugendliche mit Hör- und Kommunikationsbeeinträchtigung spezialisiert ist. Diese Institution befindet sich eingebettet ins Areal der Sekundarschule Hans Asper. Die beiden Schulleiter arbeiten eng zusammen. Die teilintegrierten Schüler:innen werden ergänzend zum Unterricht in der Regelklasse in einigen Fächern ausserhalb ihrer Stammklasse in Kleingruppen oder einzeln gefördert.
Unterschiede sind normal. «Im Klassenzimmer merkt man den Schüler:innen nicht an, ob sie zur Sonderschule oder zur Regelschule gehören», sagt Tibor Kalman, Co-Schulleiter der Regelschule. John Hattie ist beeindruckt: «Wenn ich es nicht gewusst hätte, hätte ich nichts gemerkt», sagt er zu dieser Durchmischung von Sonder- und Regelschüler:innen. «Inklusion ist, wenn man sie nicht sieht», so Hattie. Zentral für den Erfolg des Modells sei die Haltung, die hier gelebt wird, sagt Heilpädagogin Abplanalp, und zwar von Erwachsenen und von Jugendlichen: «Unterschiede werden zwar wahrgenommen, aber sie sind komplett normal. Jeder darf sein, wie er ist.»
Heilpädagogin für alle da. Auch auf der Ebene der Ressourcen sind Regel- und Sonderschule verzahnt. Ruedi Baumann, Co-Institutionsleiter der SEK3 erklärt: «Wir haben die normalen Ressourcen einer Zürcher Tagessonderschule zur Verfügung. Doch diese Ressourcen setzen wir nicht ausschliesslich für separativen Unterricht in der Sonderschule ein, sondern geben sie in das Regelsystem der Sekundarschule.» Das hat zur Folge, dass in der Klasse von Alex Labhardt während der gesamten Unterrichtszeit eine Schulische Heilpädagogin zur Verfügung steht. Géraldine Abplanalp sagt zu diesem Modell: «Ich kümmere mich nicht nur um die TiO-Schüler:innen, sondern bin für alle da.» Sie kommt mit einer Gruppe Schüler:innen wieder zurück ins Klassenzimmer. Im Gruppenraum nebenan hat sie jene Jugendlichen unterstützt, welche mit dem Matheproblem an der Wandtafel mehr Schwierigkeiten hatten als andere. Die Schüler:innen haben sich selbst gemeldet für diese Fördergruppe – völlig unabhängig davon, ob sie eine Hörbeeinträchtigung haben oder nicht. Das ist genau auf Hatties Linie: «Lernen heisst in erster Linie, Fehler machen zu dürfen. Und dass diese Jugendlichen sich vor der ganzen Klasse dazu bekennen, etwas noch nicht zu verstehen, zeugt von einer offenen und weit entwickelten Lernkultur. Das ist beispielhaft», meint der Bildungsforscher.
John Hattie zu Besuch an der HfH. John Hattie von der University of Melbourne, Australien, war anlässlich des HfH-Hochschultages im März 2026 in Zürich. Wir bedanken uns bei der Sekundarschule Hans Asper für ihre Offenheit, die Besucher und das Videoteam zu empfangen und das TiO-Schulmodell vorzustellen.
Autoren: Dominik Gyseler, Dr. und Steff Aellig, Dr., HfH-Wissenschaftskommunikation (Juli 2026)