Referat 1: Welche Psychomotoriktherapie braucht die Gesellschaft von morgen? – Zwischen Fundament und Vision
Die Psychomotoriktherapie blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und zugleich auf eine Zukunft, die neue Antworten verlangt. Gesellschaftlicher Wandel, psychische Gesundheit, Neurodiversität, Digitalisierung und KI, Inklusion sowie eine zunehmende Komplexität von Entwicklungs- und Lebenswelten fordern die Profession heraus, sich weiterzuentwickeln.
Das Referat nimmt das Bild eines Fundaments zum Ausgangspunkt: Ausgehend von den historischen Wurzeln und zentralen Meilensteinen der Psychomotoriktherapie werden aktuelle Handlungsprinzipien als tragende Elemente professionellen Handelns sichtbar gemacht. Nicht einzelne Methoden definieren die Psychomotoriktherapie, sondern das Zusammenspiel dieser Prinzipien bildet ihr Fundament und damit die Grundlage für ihre Weiterentwicklung.
Denn nicht nur die Anforderungen an die Profession und an die Ausbildung, sondern auch die gesellschaftlichen Bedarfe verändern sich. Erweiterte Zielgruppen über die Lebensspanne, neue Tätigkeitsfelder und Settings sowie gesellschaftliche und technologische Entwicklungen eröffnen Chancen und stellen die Profession zugleich vor neue Herausforderungen.
Das Referat spannt den Bogen zwischen Fundament und Vision und eröffnet damit die Tagung mit der Frage: Welche Psychomotoriktherapie braucht die Gesellschaft von morgen?
Olivia Gasser-Haas, Prof. Dr. phil., HfH; Christina Bär, MSc, HfH
Referat 2: Beziehung, Emotion und sicherer Raum – Impulse für die Psychomotoriktherapie der Zukunft aus einer Aussenperspektive
Als ganzheitlicher Ansatz verbindet die Psychomotoriktherapie Körper, Wahrnehmung, Fühlen und Denken sowie affektive Impulsregulation in spielerisch-handlungsorientierten Interventionen. Sie bietet belasteten Kindern ein niederschwelliges Einstiegsangebot und unterstützt Eltern.
Neben der Förderung motorischer, sensorischer, emotionaler und sozialer Kompetenzen sind insbesondere ein sicherer Raum und positive Beziehungserfahrungen zentral für eine nachhaltige Entwicklung. Diese Aspekte gewinnen angesichts der vielfältigen Herausforderungen, mit denen Kinder und Familien heute konfrontiert sind, zunehmend an Bedeutung und sollten künftig noch expliziter in den Fokus der Psychomotoriktherapie rücken.
Wie kann die Psychomotoriktherapie diese bewährten Grundlagen bewahren und zugleich neue Perspektiven für ihre Zukunft entwickeln? Und welche Bedeutung haben dabei Beziehung, Emotion und die Gestaltung eines sicheren Raumes? Diesen Fragen geht Dr. phil. Maria Teresa Diez Grieser in ihrem Hauptreferat nach und nimmt uns mit auf eine spannende Spurensuche zwischen Fundament und Vision mit Blick von “aussen”.
Maria Teresa Diez Grieser, Dr. phil.
Workshop 1: Vision: Warum wir Psychomotoriktherapie im klinischen Setting brauchen
Der erste Teil des Workshops bietet aktuelle Erkenntnisse zu Wirkmechanismen körper- und bewegungsorientierter Interventionen innerhalb eines biopsychosozialen Verständnisses von Körper und Psyche (Probst, 2017). Das Körperleben wird nicht als Begleiterscheinung psychischer Erkrankungen verstanden, sondern als eigenständiger therapeutischer Ansatzpunkt und steht im Fokus der klinischen Psychomotoriktherapie.
Ausgehend von Röhricht et al. (2025) gibt es ein für die Praxis hilfreiches dreidimensionales Konstrukt des Körpererlebens (Van de Kamp et al., 2025), welches sich für die Körperarbeit im Rahmen von Angst, Trauma sowie Ess- und Stimmungsproblemen bewährt.
Im zweiten Teil des Workshops wird der Transfer in die Praxis vollzogen. Anhand konkreter psychomotorischer Interventionen wird erfahrbar, wie sich aktuelle wissenschaftliche Kenntnisse in therapeutisches Handeln übersetzen lassen.
Maxime Welten, M.Sc., HfH
Workshop 2: Wie soll die Psychomotoriktherapie der Zukunft sein? Zwischen Spüren und Messen, zwischen Zuweisung und Selbstbestimmung, zwischen Planung und intuitivem Handeln
Die Psychomotoriktherapie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Veränderungen werfen die Frage auf, wie sich die Psychomotoriktherapie weiterentwickeln soll. Was macht ihre Identität aus? Welche Rolle spielen Bewegung, Beziehung und Entwicklung? Wie gelingt es, evidenzbasiertes Handeln mit Intuition, standardisierte Verfahren mit der Wahrnehmung des Kindes in seiner Ganzheit zu verbinden?
In diesem interaktiven Workshop gehen wir genau diesen Fragen gemeinsam nach. Kurze Impulse, historische Perspektiven und der gemeinsame Austausch laden dazu ein, unterschiedliche Sichtweisen einzubringen und ein Bild der Psychomotoriktherapie der Zukunft zu entwickeln. Gemeinsam diskutieren wir, welche Werte, Handlungsprinzipien und Rahmenbedingungen notwendig sind, damit professionelles pädagogisch-therapeutisches Handeln auch künftig wirksam, zukunftsfähig und gleichzeitig der Identität der Psychomotoriktherapie treu bleibt.
Anja Solenthaler, MA, HfH; Olivia Gasser-Haas, Prof. Dr. phil., HfH
Workshop 3: Sozio-emotionales Lernen in der Psychomotoriktherapie – rein in den Therapieraum oder raus ins Klassenzimmer?
Sozial-emotionale Kompetenzen gehören zu den zentralen Entwicklungsaufgaben von Kindern und bilden gleichzeitig ein wichtiges Arbeitsfeld der Psychomotoriktherapie. Während psychomotorische Förderung häufig im Einzel- oder Zweiersetting stattfindet, entfaltet sozial-emotionales Lernen (SEL) sein grösstes Potenzial in der Interaktion mit einer Gruppe. Daraus entsteht ein Spannungsfeld: Wie können die Stärken der Psychomotoriktherapie genutzt werden, um sozial-emotionale Kompetenzen wirksam zu fördern und gleichzeitig einen nachhaltigen Transfer in den schulischen Alltag zu ermöglichen? Der Workshop beleuchtet dieses Spannungsfeld zwischen Therapieraum und Klassenzimmer und diskutiert Chancen einer stärkeren Vernetzung von Psychomotoriktherapie und schulischen Fachpersonen (unter anderem SHP, LP). Anhand von Praxisbeispielen werden Möglichkeiten diskutiert, wie Elemente des sozial-emotionalen Lernens aus der Psychomotoriktherapie in den Klassenkontext übertragen und dort gemeinsam im interdisziplinären Team weiterentwickelt werden können. Die Teilnehmenden reflektieren die Rolle der Psychomotoriktherapie im Kontext inklusiver Schulen und erarbeiten konkrete Ideen, wie die Zusammenarbeit zwischen den Fachdisziplinen gestaltet werden kann, um Kinder mit sozial-emotionalen Entwicklungsbedürfnissen nachhaltig zu unterstützen. Im Spannungsfeld zwischen Fundament und Vision wird der Blick darauf gerichtet, wie Psychomotoriktherapie ihre Expertise über den Therapieraum hinaus wirksam entfalten kann.
Melanie Niederöst, MSc, HfH; Kathrina Joanna Walther, M.Ed., HfH
Workshop 4: Mentalisieren und gelingende Beziehungen in der Psychomotorik – Körper im Zentrum
Der Workshop führt in das Buch Mentalisieren in der Psychomotorik ein und stellt dessen zentrale theoretischen und praktischen Grundlagen vor:
Der Workshop beleuchtet die Bedeutung von Körper, Bewegung, Affektivität, nonverbaler Beziehungsgestaltung und Mentalisierungsfähigkeit für Entwicklungs- und Lernprozesse. Der Körper wird als Ort des Erlebens, der Beziehungsgestaltung und der Selbstentwicklung verstanden (Maier Diatara et al., 2026; Fischer, 2024). Körperliche Zustände und Bewegungen beeinflussen das Erleben, Denken und Verhalten eines Menschen, während zugleich Gefühle, Gedanken und Beziehungserfahrungen im Körper ihren Ausdruck finden.
Diese Perspektive findet sich schon früh in der Psychomotoriktherapie wieder (Esser 2020). Lapierre und Aucouturier verstanden die Bewegung des Kindes als Ausdruck inneren Bewegt-Seins und seiner affektiv-emotionalen Lebensgeschichte (1998). Das Buch knüpft an diese Tradition an und zeigt praxisnah auf, wie körperlich-affektive Erfahrungen, Mentalisierung und Beziehungsgestaltung in der psychomotorischen Arbeit zusammenwirken.
Lucia Maier, BSc, HfH
Workshop 5: Seniors et psychomotricité - Psychomotoriktherapie im Alter (auf Französisch)
Kann ein psychomotorisches Angebot auch für ältere Menschen gestaltet werden? Wie lassen sich typische, vielseitig einsetzbare Materialien der Psychomotorik – etwa Decken, ein Schwungtuch oder Spielschläuche (Rondo) – in der Arbeit mit Senior einsetzen?
In diesem Workshop stellt Délia Danesin-Démarest, Psychomotoriktherapeutin, Erfahrungen aus ihrem am CERIP in Genf durchgeführten Forschungsprojekt mit einer Gruppe von Frauen im Alter von 85 Jahren und älter vor. Die positiven Ergebnisse hinsichtlich Körperwahrnehmung, Selbstvertrauen und Gruppendynamik zeigen, dass psychomotorische Ansätze auch für diese Altersgruppe sehr gut geeignet sind. Dabei bieten sie weit mehr als reine Sturzprävention. Im Workshop werden Sie verschiedene körper- und bewegungsorientierte Aktivitäten selbst erproben.
Anschliessend erhalten Sie anhand von Videoaufnahmen Einblick, wie diese Aktivitäten mit den Teilnehmerinnen der Studie umgesetzt wurden.
Délia Danesin-Démarest Maître d’enseignement HES / Filière psychomotricité, Coordinatrice du CERIP
Workshop 6: Musik in der Psychomotoriktherapie
Ein kurzer Theorieinput eröffnet den Workshop. Aktuelle Erkenntnisse aus Neurologie und Psychologie verdeutlichen die Wirksamkeit der Musik in Bezug auf Aufmerksamkeit, Bewegung, Emotionen und soziale Prozesse. Darauf aufbauend wird diskutiert, wie diese Erkenntnisse in der Psychomotoriktherapie wirksam genutzt werden können. Die Teilnehmenden lernen konkrete Möglichkeiten kennen, Musik zur Unterstützung von Emotionsregulation, Bewegungslernen, Beziehungsgestaltung und sozialer Interaktion einzusetzen.
Praktische musikalische und bewegungsbezogene Impulse fliessen während des gesamten Workshops ein. Die Teilnehmenden diskutieren unterschiedliche Positionen, erproben Ideen für Einzel- und Gruppensettings und reflektieren deren Übertragbarkeit in ihren Berufsalltag. Musikalische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Neugier, Offenheit und Freude am Ausprobieren genügen.
Verena Heyerdahl, Dipl. Psychomotoriktherapeutin EDK, Master of Arts Psychomotor Therapy, Psychomotoriktherapeutin, Stadt Zürich
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Psychomotoriktherapie zwischen Fundament und Vision
Category Weiterbildung